ERINNERUNGEN AN MEINE KINDHEIT IN HALLSTATT

Ich bin kurz nach dem 2. Weltkrieg in Hallstatt Lahn 1 (Amtshaus) geboren. Als Erstgeborener musste ich mich viel um meine Geschwister kümmern. Wir waren zuletzt acht Geschwister und meine Tante hatte sogar 14 Kinder geboren. Für die damalige Zeit waren kinderreiche Familien nichts Besonderes.

Unterhalb vom Amtshaus rauchte der große Schornstein von der Saline und am Kanal fuhren die Mutzen ein, um das Salz über den See zum Obertrauner Bahnhof zu befördern. Parallel zum Hafen verlief ein Schienenstrang, wo die Asche beim Aschensteeg in den See gekippt wurde Finanziell fehlte es bei vielen Arbeiterfamilien in allen Ecken und Enden. Beim Kaufhaus Eder ließ man spätestens ab Monatsmitte „aufschreiben“.  Nachdem die meisten anderen Familien ebenso wenig Geld hatten, fiel dieses nicht weiter auf. Ich kann mich nur erinnern, dass meine Mutter zum „Hamstern“ in das Innviertel fuhr und für einen echten Pelzmantel 1 kg Speck und 15 Eier bekam. Aber es wurde dann jedes Jahr wirtschaftlich gesehen etwas besser.

Im Gegensatz zu der heutigen Jugend hatten wir kein Geld, dafür viele Freiheiten. Keiner störte sich daran, wenn man sich im Wald eine Baumhütte oder am See ein Floss baute. Wurde man beim Schwarzfischen erwischt, gab es höchstens eine Ohrfeige.

Nachfolgend möchte ich ein paar Begebenheiten festhalten, die mir wahrscheinlich schon etwas verklärt, in Erinnerung geblieben sind.

Am Marterpfeil

Das Indianerspielen mit Pfeil und Bogen gehörte zu unseren liebsten Spielen. Das Revier befand sich oberhalb vom Amtshaus. Der östliche Rand von der heute verwilderten Amtshauswiese eignete sich gut zum Anschleichen. Eines Tages wurde von uns eine „Squaw“ gefangen und standesgemäß auf einen Marterpfahl gebunden. Dann folgten die üblichen Kriegstänze und bei Beginn der Dunkelheit gingen wir nach Hause. Wieso wir vergessen hatten, unsere Kriegsbeute wieder von den Fesseln zu befreien, weiß ich heute nicht mehr.

Es war etwas nach Mitternacht, als mich meine Mutter aufweckte. Draußen in der Küche stand Matthilde T., die Mutter von unserem Opfer. Sie fragte mich, ob ich ihre Tochter gesehen habe. Da schwante mir Fürchterliches! Mit einer Taschenlampe versehen ging ich in den Wald, um das Mädchen zu befreien. Dieses hatte fürchterliche Angst ausgestanden, weil ihren Angaben nach ein riesiges Tier bei ihr auftauchte und sie anstarrte.

Die „Squaw“ war Grete T., die spätere Hüttenwirtin am Wiesberghaus. Die verdienten Ohrfeigen von der Mutter von Grete habe ich nicht gezählt, es waren mehrere.

 

11 Uhr läuten

Als Ministrant hatte ich die Ehre bzw. Aufgabe, im Sommer am Kalvarienberg, einer schmucken Barockkirche aus dem 18. Jhd., die Glocken zu läuten. Zu Mittag nur die große Glocke und dann nochmals beide um 19 Uhr.

An einen heißen Julitag spielten wir Kinder wie immer am Seeufer. Öfters erfolgte von mir ein schräger Kontrollblick zur Amtshausuhr. Dann plötzlich ein Schreck. Wie schnell doch die Zeit vergeht. Es war 5 Minuten vor zwölf und ich rann barfuß so schnell es ging in die Kirche. Geschafft. Der Klang der Glocke breitete sich wie immer über den Ortsteil Lahn aus und rief zur Mittagspause. Nur leider war es nicht 12 Uhr, sondern 1 Stunde früher. Ich konnte nicht ahnen, welche Folgen das verfrühte Läuten hatte.

Der berufsmäßige Schierer Karl K., zuständig für das Heizen der schweren Öfen für die Salzpfanne, ließ die Aschenschaufel fallen und marschierte zu seiner Wohnung bei den sogenannten Neuhäusern. Dort schrie er seine Frau an, weil diese das Mittagessen noch nicht fertig hatte. Ähnlich ging es den Frauen der Taglöhner, welche neben der Schmiede gerade einen Kanal aufgruben. Ganz aus dem Häuschen war die Wirtin vom Gasthaus „Grünen Anger“, als plötzlich eine Handvoll Arbeiter hereinkamen und nach dem Essen verlangten. Dabei hatte die Gute noch nicht einmal zum Kochen angefangen.

Beinahe einen Schock erlitt Frau S, die es gewohnt war, zur Freude des Lebensmittelgeschäftes Eder genau eine Minute vor dem Schließen  ihre Einkäufe zu tätigen. Sie stand dann tatsächlich erstmals vor der verschlossenen Tür, weil auch der Herr E.  mit dem Läuten der Glocke den Laden für zwei Stunden dicht machte. Das waren nur die Fälle, welche ich direkt mitbekam. Auf jeden Fall hatte ich das gewohnte Leben im südlichen Teil von Hallstatt ganz schön durcheinander gebracht und war verantwortlich für so manchen Ehestreit.

Pfarrer Lehner ging mit seinen schwarzen Schäferhund Rolf gerade spazieren, als das Glockengeläut dem Geistlichen zum Mittagessen mahnte. Zum Missfallen des Hundes wurde das gewohnte Gasigehen spontan unterbrochen.

Am nächsten Tag ging das Leben wie gewohnt weiter. Scheidungen gab es meines Wissens deshalb keine. Aber vielleicht wurde manchen bewusst, wie sehr man von Glockengeläut und der Amtshausuhr abhängig geworden war.

 

Der Schwarzfischer

Nach dem Krieg gab es noch ziemlich viele Fische im Hallstättersee. Nachdem damals das Wort Kanalisation noch fast ein Fremdwort war, rann alles ungeklärt in den See. Dadurch hatten die Raubfische noch genügend zu fressen. Hechte waren damals noch im Gegensatz von heute keine Seltenheit. Während der Laichzeit konnte man entlang der Seestraße genügend von diesen kapitalen Fischen beobachten.

In meiner Volksschulzeit hatte ich eine Leidenschaft für das Fischen entwickelt. Mit den einfachsten Geräten gelang es mir, Barsche (Schrazen), Rotfedern, Ruten, Äschen, Saiblinge und auch Seeforellen zu fangen. Natürlich hatte ich keine Erlaubnis und eine Fischkarte konnte ich mir nicht leisten.

Eines Tages wurde mir aber der Boden doch zu heiß und ich wollte mir nun die Fischerkarte kaufen. Die paar Schillinge hatte ich mir beim Kegelaufsetzen in der „Gaunkn“ (heute Hotel  „Bergfried“) verdient. Also ging ich zur Hallstätter Fischerei und ersuchte um die Karte, die damals nur ÖS 10 kostete. Diese wurde mir aber vom Fischermeister Höplinger verweigerte, mit dem Hinweis, dass jetzt am ganzen See keine Karte ausgegeben werde. Mit der Begründung, dass es einen Fischdieb gibt, welcher dort und dort Fische gefangen habe. Ob ich vielleicht wüsste, wer es sein könnte. Natürlich erklärte ich, davon gehört zu haben, aber keine Ahnung zu haben, wer dahintersteckt. Ob ich bei dieser Notlüge einen roten Kopf bekommen habe, weiß ich nicht mehr.

Zwanzig Jahre später: Ich saß mit Fischereimeister Fred F.  auf der Schönbergalm. Beide waren wir damals berufsmäßige Höhlenführer in den Dachsteinhöhlen. Da kam es zu folgendes Diskurs. „Fred, ich muss Dir heute was beichten. Der Schwarzfischer, wegen dem ihr den ganzen See gesperrt habt, war ich“. Darauf sagte Fred. „Das haben wir doch längst gewusst. Aber was hätten wir denn mit Dir tun sollen“.

Damals gab es noch so etwas wie Menschlichkeit. Würde heue ein Jugendlicher das gleiche wie ich tun, würde er mit großer Wahrscheinlichkeit am Jugendgericht landen.

 

Das Musikfest

Im Jahre 1957 feierte die Salinenmusikkapelle Hallstatt das 120-jährige Gründungsjubiläum. Damals bestand die Kapelle mit der schmucken Bergmannsuniform wirklich nur aus Salzberg- und Salinenarbeitern. Viele befreundete Kapellen waren gekommen und ich als Elfjähriger war als Taferlträger eingeteilt. Unter uns Kindern gab es einen Streit, wer die beste Gastkapelle anführen darf. Da gab es  auch eine Bergmannskapelle aus dem benachbarten Bundesland, welche mit gut 50 Musikern aufmarschierte und bevorzugt wurde. Diese Kapelle war natürlich besonders begehrt. Am Ende blieb für mich „nur“ die Obertrauner Musik übrig.

Nach den offiziellen Veranstaltungen ergab es sich, dass diese beiden erwähnten Musikkapellen im gleichen Wirtshaus speisten. Der Obertrauner Kapellmeister lud mich ein, ich soll mir zum Essen und Trinken bestellen, was ich nur wollte. Diese Aufforderung kam ich natürlich nach und ließ es mir gut gehen. Zwei Tische weiter saß der Schulkamerad bei der so viele Musiker zählenden und geachteten Kapelle und schaute neidvoll zu mir herüber. An seinen  Tisch stand ein Kracherl, wie man damals zur Limo sagte und ein leeres Teller. Nach eineinhalb Stunden saß er noch immer bei dem gleichen Getränk und blankgeputzten Essgeschirr, während ich bereits den dritten Nachschlag verzerrte. Sein Gesicht wurde dabei immer länger. Schließlich erbarmte ich mich und gab etwas von meinen Kuchen ab.

Von den Obertraunern gab es für mich auch noch ein Trinkgeld und mein Kollege erhielt stattdessen einen warmen Händedruck.

 

Das Begräbnis

Im Alter von elf Jahren war ich auch Ministrant. So dumm es heute klingen mag, wir freuten uns über jedes Begräbnis. Dafür bekamen wir nämlich 3 Schillinge bezahlt und manchmal sogar noch etwas von den Trauergästen.

Eines Tages wurde ein bekannter Bergführer aus Hallstatt begraben. Zahlreiche Einheimische und Bergkameraden folgten dem Trauerzug auf den Hallstätter Friedhof. Eine Ansprache nach der anderen folgte. Ich stand mit dem Weihwasserfass direkt neben der Grube, wohin nun der Sarg hinab gelassen wurde. Ich weiß nicht mehr, wie es geschah. Ich rutschte auf dem Erdhaufen ab und stürzte auf den heruntergelassenen Sarg. Es wurde plötzlich dunkel und Gestein und Erde prasselte auf mich herunter. Ich hielt aber noch immer das Gefäß mit dem Weihwasser in der Hand, als ich heraufgezogen wurde.

Es war übrigens mein letzter Einsatz als Ministrant. Denn bald darauf kam ich aufgrund eines Stipendiums für ein paar Jahre nach Linz in das von Jesuiten geführte Gymnasium am Freinberg. Doch dieses ist eine andere Geschichte.

 

26 : 1

So um das Jahr 1960 herum wurde in Hallstatt vom ASKÖ die Teilnahme an der Fußballmeisterschaft angemeldet. Wegen der näheren Entfernung spielten die Hallstätter nicht in OÖ., sondern in der Obersteiermark.

Nun stand das erste Meisterschaftspiel bevor und es war auch eine Jugendmannschaft vorgesehen. Dann standen wir durchschnittlich vierzehnjährigen Knaben zum ersten Mal mit Dressen und teilweise Turnschuhen am Fußballplatz im Echerntal. Die Gegner, ich glaube sie waren aus Mitterndorf, lösten uns beinahe Angst ein. Die meisten waren im Alter von 18 Jahren und einen guten Kopf größer.

Dann kam der Anpfiff. Es dauerte nur zwei Minuten, da gingen wir durch Rudolf B. in Führung. Das ging ja gut an und schon glaubten wir an einen Sieg. Eine Minute später erzielten die Gäste den Ausgleich. Dann ging es Schlag auf Schlag. In der Halbzeit stand es bereits 16:1. In der Pause kam der Trainer G. zu uns, klopfte  auf die Schultern und meinte lakonisch. „Männer, noch ist nichts verloren.“

Nach der Halbzeit ging das Scheibenschiessen munter weiter. Selbst der gegnerische Tormann war längst unter die Stürmer gegangen. Abwechselnd mit Peter S. holte ich die Bälle aus dem Tornetz. Wir wussten nicht mehr, ob wir lachen oder weinen sollten. Endlich hatte der Schiedsrichter ein Erbarmen und brach das grausame Spiel vorzeitig ab. Das Endergebnis lautete 26:1.

Zur Ehrenrettung sei gesagt, dass wir genau ein Jahr später das Meisterschaftsspiel gegen den gleichen Gegner gewannen. Die Hallstätter stiegen dann später sogar in eine höhere Klasse auf. Das Hallstätter Schlackenstadium war für die Gäste gefürchtet.

Es gibt schon lange keinen Fußballverein mehr und der Platz ist zweckentfremdet. Es ist schade, denn gerade durch die Schulen für die Holzbearbeitung wären genügend sportliche Schüler da und in Obertraun gäbe es mehrere schöne Fußballplätze.

 

Meine erste Besteigung vom Hohen Dachstein

In meiner Kindheit wurde jede Möglichkeit ausgenutzt, um in den Schulferien etwas Geld zu verdienen. Gleichzeitig war ein Esser weniger in der Großfamilie. So war ich einmal auf einen Bergbauernhof, ein anderes Mal am Hollhaus auf der Tauplitzalm arbeitsmäßig untergebracht.

Einen Sommermonat lang verdingte ich mich als Träger im Dachsteingebirge. Meine Hauptaufgabe bestand darin, sogenanntes Schiwaser (Himbeersaft) vom Wiesberghaus zur Dachsteinwarte zu tragen. Manchmal war ich mit einen berufsmäßigen Träger, dann wieder alleine unterwegs. Meistens zeitig in der Früh, wenn die Gletscherspalten noch zugefroren waren. Ich verdiente für die damaligen Verhältnisse ganz gut.

Eines Tages, ich war schon beim Abstieg von der Seethalerhütte, kam ich auf die Idee, den Hohen Dachstein zu besteigen. Ich sah drei seilverbundene Gestalten am Gletscher oberhalb von mir gehen und wollte mich einfach hinten anhängen. Irgendwann blieben die Bergsteiger stehen und warteten auf mich. Als ich sie einholte, fragten sie mich, wohin ich wollte. „Auf den Gipfel“, meinte ich unbekümmert. Mit den weiteren Gesprächsverlauf hatte ich allerdings nicht gerechnet. Die drei Alpinisten baten mich, ob sie sich bei mir anschließen könnten, da sie noch nie auf diesem Berg waren. Was tut man nun in einen solchen Fall? Zugeben, dass man keine Ahnung hat oder den Helden spielen? Ich führte nun tatsächlich die drei auf den Gipfel und hatte das Glück, dass vor mir eine weitere Seilmannschaft unterwegs war und ich somit den Wegverlauf sehen konnte.

Dann standen wir alle glücklich auf den Gipfel. Damals gab es noch das alte Gipfelkreuz, die Dachsteinwarte war eine an den Felsen angebaute Hütte und von der Südwandseilbahn war noch keine Rede. Ich war im Laufe der Zeit noch öfters am Hohen Dachstein, aber diese erste Besteigung ist mir am schönsten in Erinnerung geblieben.

 

Das Maschinengewehr

Schon als Kind steckte ich überall, wo es nach Geheimnis aussah, meinen Kopf hinein. So entdeckte ich schon damals so manches Kriegsgerät und einmal im Goiserer Gebiet ein amerikanisches Maschinengewehr. Natürlich war dieses nicht mehr einsatzfähig, aber ich machte mir einen Spaß damit, Leute zu erschrecken. Dazu hatte ich in unserem Wohnhaus in Hallstatt Lahn 5 am Fensterstock auf der Straßenseite das Ungetüm in scheinbaren Anschlag gebracht und zielte auf die vorbeigehenden Personen.

Einmal kam der damalige Volksschuldirektor Hubert U. auf dem Rad daher. Als er mich sah, stürzte er sofort vom Fahrzeug und ging im Straßengraben in volle Deckung. Diese Deckung waren einige Bäume, wo sich heute die Tankstelle befindet.

Direktor U. hat es mir nicht nachgetragen. Im Gegenteil, er war später einer meiner Förderer in Schule und in der Heimatforschung. Mein Ziehvater aber hat das Kriegrelikt beim Aschensteeg soweit er konnte, in den See geworfen. Dort liegt es wahrscheinlich heute noch am Grunde vom See.

 

 

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Bild links: Dieses Glasfenster befindet sich der Kalvarienbergkirche und zeigt die Saline, wie ich sie noch kannte.

Bildmitte: Am kürzesten Tag des Jahres erhält nur der Markt von Hallstatt für kurze Zeit ein paar Sonnenstrahlen.

Bild rechts: Ein neues Jahr beginnt. Die Spitze der evangelische Kirche in Hallstatt erleuchtet  kurz die Nacht.

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Kommentare: 1
  • #1

    Peter Kitzmüller (Dienstag, 10 Oktober 2017 10:51)

    Hallo Norbert ! Sehr gut geschrieben.Es entspricht komplett der Wahrheit!! Es war wirklich so. Viele Grüße aus Salzburg. Peter.( Kitzi )�