DIE GSCHLÖSSLKIRCHE

Allgemeines: Diese Höhle gehört zu den interessantesten Karstobjekten im westlichen Dachsteingebirge. Diese Höhle befindet sich an der Westseite vom zinnenartigen „Gschlösslkogel“, etwa eine Gehstunde unterhalb der Adamekhütte.

Der Weg dorthin ist lang und beschwerlich und trotzdem hat sich gerade der berühmte Alpenforscher Friedrich Simony mit dieser Höhle beschäftigt und bereits 1844 davon ein Farbgemälde angefertigt.

Die Gschlösslkirche hat drei Eingänge, durch welche das Tageslicht in den domartigen Hohlraum fällt und eine mystische Stimmung erzeugt. Ob diese Höhle als „Kirche“ während der Gegenreformation von den evangelischen Christen aufgesucht wurde, kann trotz einiger Hinweise nicht bestätigt werden. Vielleicht war es ein Versteck von geschmuggelten religiösen Luther-Schriften.

Persönlich vermute ich, dass die „Gschlösslkirche“ in der berühmten Weihnachtserzählung „Bergkristall“ von Adalbert Stifter eine Rolle spielt. Weitere Einzelheiten weiter unten.

 

Auf dem klassischen Alpinsteig vom Vorderen Gosausee, Gosaulacke und Hinterer Gosausee zur Adamekhütte kommt man auch am Gschlösslkogel vorbei.

In diesem Berg verbirgt sich eine interessante Höhle mit mehreren Eingängen. Im domartigen Höhleninneren befindet sich ganzjährig eine Eis- bzw. Firnhalde.

Geologisch gesehen muss man von einer Höhlenruine sprechen, welche nur mehr eine dünne Felsdecke besitzt. Vor dem Bau der Schutzhütten wurde die Höhle als Notunterstand benützt.


 

Auf Simony`s Spuren: Im Jahre 1840 kam der nachhaltig so berühmt gewordene Prof. Friedrich Simony zum ersten Mal mit dem Salzkammergut in Berührung. Es dauerte nicht lange, da war dieser große Naturforscher am Dachsteinplateau unterwegs. Er war es auch immer wieder den nächsten vierzig Jahren und krönte diese Forschungen mit seinem Hauptwerk „Das Dachsteingebiet“, welches 1895 erschien. Dazwischen erschienen zahlreiche Veröffentlichungen über Gletscherbeobachtung, Seetiefenlotungen, geologische und karstkundliche Beschreibungen, wissenschaftliche Studien sowie viele  Zeichnungen, Aquarelle und Fotografien. 

Am 20. Juli 1844 befand sich Simony in dieser Höhle und hat eine sehr naturgetreue Zeichnung angefertigt, in seinem Dachsteinwerk veröffentlicht  und diese später noch koloriert. Bei der Zeichnung steht folgender Text: „In diese unregelmäßig, kuppelförmig gestaltete, bei 35 m lange, 25 m breite und gegen 10-12 m hohe Höhle führen zwei seitliche, leicht passierbare Eingänge, durch welche die erstere so weit erhellt wird, dass sie auch ohne künstliche Beleuchtung begangen werden kann. Das meiste Licht aber wird der Höhle durch den aus ihrem innerstem Winkel senkrecht emporsteigende, 6-8 m weiten, natürlichen Schacht zugeführt, welcher etwa 15 m hoch über dem Höhlengrunde zu Tag ausmündet…“.

In dieser „Gschlösslkirche“ hat Simony seine Initialen mit Datum als Felsritzung hinterlassen. Neben dem Datum ist  auch noch „IP“ eingeritzt. Nach neueren Erkenntnissen könnte es sich dabei um ein evangelisches Symbol handeln. Möglicherweise steht „IP“ für “ In Pace“ (in Frieden für die Seelen).

Man findet diese Namensritzung auch an anderen Stellen in der Gosau sowie in Altmünster, Traunkirchen, Hallstatt und in Kärnten. Also überall dort, wo es nachweislich Verfolgungen der Protestanten gab.

Im Jahre 1886 ist Simony wieder bei der Höhle. Dieses Mal fotografiert er den Einstiegsschacht von oben. Sein Text lautet: „Ein natürlicher Höhlenschacht. Im hintersten Tal des oberen Gosauthales tritt als äußerster westnordwestlicher Ausläufer der Schreiberwand der Gschlösslkogel (1909 m) gegen den Hinteren Gosausee (1156 m) vor. Gleich der ersteren von zahlreichen Zerklüftungsflächen durchzogen, von großen Trümmerhalden begrenzt, lässt derselbe auch noch Erscheinungen wahrnehmen, welche auf einen nicht allzu festen Zusammenhang seiner Massen schließen lassen….“.

„Im Jahre 1877 wollte der Deutsche und Österreichische Alpenverein eine Not-Unterkunftshütte in der Gschlösslkirche herstellen, doch bald erwies sich dieser Plan als unausführbar wegen der in solchen Höhlen herrschende Nässe und Feuchtigkeit und der Verein stellte hierfür im Jahre 1879 im Grobgestein, unfern der Höhle, eine kleine Unterkunftshütte, welche für 8 bis 10 Personen berechnet ist, her….“ (Graussauer, Wien 1879).

Bild 1:  Der Gschlösslkogel hat vermutlich seinen Namen durch den zinnenartigen Aufbau erhalten.

Bild 2: Vom  Gschlösslkogel hat man einen eindrucksvollen Blick zum Gosaugletscher und Hohen Dachstein. 

Bild 3: Der Haupteingang auf der Westseite. Es gibt noch zwei weitere Eingänge und kleinere Felsöffnungen. 


Die Wiederentdeckung: Die „Gschlösslkirche“ war lange Zeit unauffindbar. Zahlreiche Anfragen meinerseits bei den Einheimischen und auch beim offiziellen Höhlenkatasterführer von Oberösterrreich blieben erfolglos. Meine Neugier als Höhlenforscher war schon lange geweckt. Nun folgten die Taten. Nach mehreren Suchen im Alleingang konnte ich das Gebiet immer mehr einkreisen. Am 26. Juli 1996 war Walter Greger dabei und dieses Mal hatten wir gemeinsam Erfolg.

„Bei einem steilen Graben trennten wir uns. Während Walter die rechten Wandstufen absuchte, querte ich nach links und stand kurz darauf vor dem lang verschollenen Höhleneingang. Mit laufender Videokamera ging ich gebückt durch den Höhlengang. Gleich darauf stand ich vor dem schwach beleuchteten Firnkegel. Walter kam hinzu und ehrfurchtsvoll standen wir inmitten der Höhle, fast genau 152 Jahre später nach Simony`s Aufenthalt! Wir waren verblüfft, wie genau Simony`s Zeichnung mit der Wirklichkeit übereinstimmte!“ (Leutner, DIE HÖHLE, 1996).

Am 10. August 1996 stiegen wir erneut zur Höhle auf, wobei wir zuvor in der Almhütte beim Hinteren Gosausee genächtigt hatten. Wir – das waren neben Walter Greger und mir noch Erika, Karin und Robert Mitterhofer. Neben der eingehenden Erforschung wurde die Höhle von uns vermessen.

 

Beschreibung der Höhle:  „Die Gschlösslkirche ist in der Hauptsache ein großer, 40 m langer und bis zu 21 m breiter Höhlenraum, der durchschnittlich etwa 5 m hoch ist. Die größte Raumhöhe wird in der Höhlenmitte (Steinmauer) mit rund 9 m erreicht. Die Höhle weist drei Eingänge und ein kleines Tagfenster auf. An der Höhlensohle trifft man auf Bruchschutt, kleineres und größeres Blockwerk, einen Schnee-Firn-Kegel und am tiefsten Punkt auf Eis. Die Gschlösslkirche weist nur eine geringe Gesteinsüberlagerung auf und ist bereits als Höhlenruine zu betrachten. Die in verschiedener Höhe liegenden Eingänge begünstigen eine rege Luftzirkulation, was sich auf das Höhlenklima auswirkt. Am 10. August 1996 wurden um  14 Uhr beim Schneekegel in der Höhle +6 Grad C gemessen. Der Eingang A (1850 m Seehöhe) besitzt ein stehendes, ovales, an einer Kluft mit der Streichungsrichtung N 10 Grad E angelegtes Profil. Der anschließende, einige Meter steil abwärts führende Gang geht in einen flacheren, nach Westen abfallenden Gang mit einzelnen größeren Blöcken über. Annähernd am tiefsten Punkt kann man eine künstlich aufgerichtete Steinmauer erkennen, die etwa 1.50 m hoch ist und ursprünglich 4 bis 4.5 m lang gewesen sein dürfte. Der Eingang B (1843 m Seehöhe) ist eine niedrige, aber 1 m breite Öffnung, die durch größere Blöcke und aufgeschichtete Steine an der Sohle verengt wird. An der Ostwand schließt Blockwerk an, in der Raummitte kann man nach 10 Metern wieder Reste einer Steinmauer erkennen, und an der Westwand führt ein 18 m hoher Tagschlot (Schacht, Eingang C des Planes, 1858 m Seehöhe) ins Freie. Der Schlot, der an der Ansatzstelle in der Höhle einen Durchmesser von etwa 4 Meter aufweist, erweitert sich nach oben bis auf 7 m Durchmesser. Der Schnee, der alljährlich durch diesen Schlot in den Höhlenraum gelangt, wandelt sich im Laufe des Sommers allmählich in einen breit ausladenden Firnkegel um, an dessen Fuß sich eine temporäre von Schmelzwasser bedeckte Eisfläche von wechselnder Ausdehnung und Mächtigkeit bildet. Im südlichsten Höhlenteil, dem tiefsten Punkt der Höhle, führt eine kleine Öffnung zunächst drei Meter senkrecht und dann steil bergab zur Oberfläche eines 5 m langen, 2 m breiten und im August 1996 etwa 20 Zentimeter tiefen Eissee…..“ (Greger, Leutner, DIE HÖHLE, Heft 4, 1996)

 

Bild 1:  Wer es sportlich haben will, kann sich direkt durch den Schacht zum Firnfeld abseilen.

Bild 2: Der 18 m tiefe Einstiegschacht mit Blick zum den Gosauseen. Simony hat diesen Abgrund  1844 fotografiert.

Bild 3 Die ganze Höhle ist durch die verschiedenen Eingänge in ein mystisches Licht eingehüllt.


Höhlenkirche: Der Name „Kirche“ weist meistens auf einen Zufluchtsort hin, welcher während der Gegenreformation bzw. der Zeit des Geheimprotestantismus aufgesucht wurde. So könnten sich hier wie in anderen Höhlenkirchen in der Umgebung von Gosau und Goisern die verfolgten evangelischen Christen versammelt haben. Der Name, die mündliche Überlieferung, sowie die Steinmauern in der Höhle weisen darauf hin. Beim Höhleneingang finden gelegentlich evangelische Messfeiern statt. So besuchten am 28. Juni 2008 rund 30 Personen die Höhle anlässlich der 100-Jahre-Feier der Adamekhütte. Die Teilnehmer kamen hauptsächlich aus Schladming. Eventuell hat die Gschlösslkirche auch eine Bedeutung für die weltberühmte Erzählung „Bergkristall“ von Adalbert Stifter. Es ist Tatsache, dass Stifter im Jahre 1845 Friedrich Simony in Hallstatt besuchte und vermutlich diese Höhlenzeichnung am Tisch in seiner Hallstätter Schreibstube liegen sah. Kurz zuvor hat Simony aber auch eine Gletscherhöhle gemalt. Ob nun Stifter eines oder beide Höhlenbilder sah und davon inspiriert wurde, bleibt Spekulation. Die Gschlösslkirche mit ihren drei Tagöffnungen und den mystischen Lichteinfall ist meinen Erfahrungen nach auch ein sogenannter Kraftort. Verweilt man länger in der Höhle, so kann man eine starke energetische Strahlung spüren.

 

Adalbert Stifter und Friedrich Simony

Diese bedeutenden Persönlichkeiten waren befreundet und 1845 bei einem gemeinsamen Spaziergang in Hallstatt-Echerntal unterwegs. Da begegneten sie zwei einheimische Kinder, welche von einer Alm kamen. Stifter sah anschließend noch zwei Bilder in Simonys Wohnung. Eines davon war eine Gletscherhöhle, das andere zeigte die Gschlösslkirche. Die Begegnung mit den Kindern und die Höhlenbilder waren vermutlich die Basis für die weltberühmte Erzählung von „Bergkristall.“

 

Bild 1:  Das berühmte Bild, welches Prof. Friedrich Simony bereits im Jahre 1844 an Ort und Stelle gezeichnet hat.

Bild 2: Auf diesem "Simonystein" hat sich der Alpenforscher verewigt. Darüber ist noch  "IP" eingraviert.

Bild 3: Zu jeder Höhlendokumentation gehört auch ein genauer Plan.


Basisdaten: Kat. Nr. 1543/127 a, b, c , Seehöhe 1850 m, 1843 m, 1858 m, Länge 90 m, max. Erstreckung 40 m, Höhendifferenz 21 m (+ 8 m, - 13 m), Literatur:  Walter Greger, Norbert Leutner, Plan: Gottfried Buchegger. (Koordinaten vom Tagschacht nach Karl Wirobal  N 47° 29,975‘  E13°33,912‘). Alle Bilder sind vom Verfasser.

  

Video in youtube: Im Internet existiert ein Video mit dem Titel „Die Gschlösslkirche im Dachstein“.

 

+  +  +    www.norbertleutner.at    +  +  +

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